Die Maine Coon: eine Katze, die der Winter gebaut hat
Schneeschuhe zwischen den Zehen, ein Schal aus Fell um den Hals, ein Schwanz, in den sie sich zum Schlafen hüllen kann: Die Maine Coon wurde von den langen Wintern Neuenglands geformt. Ein Porträt der sanften Riesin, die Dich mit einem hellen Triller begrüßt, und der Legenden, die ihr seitdem folgen.
KI-generiertStell Dir ein Bauernhaus an der Küste von Maine vor, irgendwann im neunzehnten Jahrhundert, an einem Januarmorgen, an dem der Schnee bis zur halben Höhe des Scheunentors reicht. Das Licht ist blau und dünn, die Kühe dampfen in ihren Ständen, und oben auf einem Balken erwacht eine große, braun getigerte Katze. Sie wickelt die üppige Fahne ihres Schwanzes vom Gesicht, streckt jede ihrer breiten Pfoten, bis sich die Fellbüschel zwischen den Zehen wie Federn spreizen, und springt lautlos ins Stroh. Dann gibt sie einen kleinen, hellen Laut von sich, halb Zwitschern, halb Frage, und geht hinaus ins Weiß.
Diese Katze hatte keine Papiere und keinen Rassenamen. Sie hatte etwas Älteres: einen Körper, an dem der Winter selbst gearbeitet hatte, Generation um Generation, lange bevor irgendjemand auf die Idee kam, einen Standard für sie zu schreiben.
Eine Katze aus Legenden
Woher sie stammt, weiß niemand genau, und die Geschichten, mit denen Menschen diese Lücke gefüllt haben, gehören zu den schönsten der Katzenwelt. Die älteste steckt schon in ihrem Namen. Ihr geringelter, buschiger Schwanz und das braun getigerte Fell erinnerten manche an einen Waschbären, auf Englisch raccoon, und so entstand die Erzählung, sie sei zur Hälfte ein Wildtier. Die Biologie lässt das nicht zu, doch die Geschichte hat ihr die zweite Hälfte ihres Namens geschenkt und ist ihr bis heute treu geblieben.
Eine andere Legende führt auf das Schiff von Kapitän Samuel Clough, der Marie Antoinette aus dem revolutionären Frankreich in Sicherheit bringen wollte. Die Königin kam nie an Bord. Ihre sechs langhaarigen Katzen aber, so erzählt man sich, segelten ohne sie nach Wiscasset in Maine und blieben dort. Eine dritte Geschichte kennt einen englischen Kapitän namens Coon, dessen langhaarige Schiffskatzen in jedem Hafen an Land gingen und Kätzchen zurückließen. Und manche sehen ihre Vorfahren noch weiter in der Vergangenheit, zusammengerollt zwischen den Tauen von Wikingerschiffen, die Jahrhunderte vor Kolumbus über den Nordatlantik fuhren.
Beweisen lässt sich keine dieser Geschichten, und gerade darin liegt ihr Zauber. Was die Überlieferung nahelegt, ist schlichter und nicht weniger schön: Kurzhaarige Katzen, die mit den frühen Siedler:innen kamen, trafen auf langhaarige Katzen, die Seeleute mitbrachten. Den Rest übernahmen die Winter Neuenglands, die Jahr für Jahr die kräftigsten und am dichtesten bepelzten Tiere begünstigten. Genetische Untersuchungen ordnen die Maine Coon dem westeuropäischen Zweig der Hauskatzen zu, am nächsten verwandt mit den freilebenden, nicht gezüchteten Katzen im Nordosten der USA (Lipinski et al., 2008). Ihre Ähnlichkeit mit der Norwegischen Waldkatze ist wohl weniger ein Familienband als zwei Antworten auf dieselbe Kälte.
Ein Körper, den der Winter geschrieben hat
Wenn Du sie in Ruhe betrachtest, kannst Du das Klima in ihr lesen wie auf einer Landkarte. Die Pfoten sind groß und rund, und die langen Büschel zwischen den Zehen verteilen ihr Gewicht auf weichem Schnee, so wie Schneeschuhe es tun, und halten dabei die Ballen warm. Ihr Fell ist ein sorgfältig geschnittenes Gewand: kürzer über den Schultern, wo es nur verfilzen würde, lang und zottig an Bauch und Hinterbeinen, genau dort, wo eine Katze auf Eis sitzt und durch Schneewehen stapft. Am Deckhaar perlt das Wasser ab, darunter liegt eine dichte, weiche Unterwolle. Am Hals sammelt sich das Fell zu einer Krause, einem Schal, den sie niemals ablegt.
Und dann der Schwanz, vielleicht ihr verschwenderischstes Geschenk. Lang, voll und geringelt, legt sie ihn im Schlaf um Gesicht und Schultern, eine Decke gegen den Wind, die sie überallhin mitnimmt. Auf den Ohrspitzen stehen Pinsel wie bei einem Luchs, und innen wärmt dichtes Fell. Vielleicht siehst Du ihr an einem warmen Augustnachmittag dabei zu, wie sie auf Deinem Sofa den Schwanz über die Nase zieht, aus einer Gewohnheit, die älter ist als jede Zentralheizung.
Die sanfte Riesin
So groß sie ist, so berühmt ist sie für ihre Sanftheit, und wer ihr zum ersten Mal begegnet, staunt oft darüber. Die Cat Fanciers’ Association beschreibt die Rasse als sanft und treu, gelassen im Umgang mit Kindern und Hunden. Sie spricht weniger in Miauen als in Trillern und Zwitschern, mit einer weichen, aufsteigenden Stimme, die wie eine Begrüßung klingt, selbst wenn sie nur das Wetter kommentiert.
Viele Halter:innen erzählen von ihrer Faszination für Wasser: eine Pfote, die in den Trinknapf taucht, ein langes, versunkenes Schauen auf den tropfenden Hahn, ein Besuch im Bad, sobald Wasser in die Wanne läuft. Diese Geschichte wird so oft erzählt, dass sie längst zu ihrem Bild gehört, auch wenn noch keine Studie sie vermessen hat. Und sie sucht die Nähe ihrer Menschen. Nicht unbedingt auf Deinem Schoß, aber neben Dir, im selben Raum, auf dem Kissen gleich neben Deinem. Sie folgt Dir von der Küche ins Arbeitszimmer, als wäre Deine Gesellschaft einfach der natürliche Ort, an dem man sich aufhält.
Langsam zur vollen Größe
Mit dem Erwachsenwerden lässt sie sich Zeit. Die meisten Katzen sind mit etwa einem Jahr ausgewachsen, eine Maine Coon dagegen wächst oft drei oder vier Jahre lang weiter, manchmal fünf. Ihr Körper wird breiter, ihre Krause voller, Winter für Winter. Mit ihr zu leben heißt, einer langsamen Entfaltung zuzusehen: Die Verspieltheit eines Kätzchens wohnt noch lange in einem Körper, der immer prächtiger wird.
Die erste Königin der Ausstellung
Im Mai 1895 wurde bei der National Cat Show im New Yorker Madison Square Garden, einer der ersten großen Katzenausstellungen Amerikas, eine braun getigerte Kätzin namens Cosey zur besten Katze der Schau gekürt. Sie gewann ein silbernes Halsband und eine silberne Medaille mit der Gravur „National Cat Show, 1895“. Beides ist erhalten und liegt heute im Feline Historical Museum in Alliance, Ohio. Jahrzehnte später, nachdem die Rasse fast ganz aus den Ausstellungshallen verschwunden war, kehrte die Maine Coon zurück. 1976 erhielt sie bei der CFA den Championstatus, 1985 wurde sie zur offiziellen Staatskatze von Maine. Die Hofkatze von der verschneiten Küste war mit allen Ehren heimgekehrt.
Ein Wort zur Gesundheit
Wie viele große Rassen bringt die Maine Coon einige gesundheitliche Themen mit, die gut erforscht sind. Eine Form der hypertrophen Kardiomyopathie (HCM), bei der sich der Herzmuskel verdickt, wird bei ihr seit Ende der 1990er-Jahre untersucht (Kittleson et al., 1999). 2005 fanden Forscher:innen eine Variante im Gen MYBPC3, die damit in Verbindung steht (Meurs et al., 2005). Nicht jede Katze mit dieser Variante entwickelt auch das Krankheitsbild (Godiksen et al., 2011). Ebenso ist die Hüftdysplasie in der Rasse bekannt (Loder & Todhunter, 2018; Low et al., 2019). Verantwortungsvolle Züchter:innen lassen ihre Tiere mit Gentest, Herzultraschall und Röntgenbild der Hüfte untersuchen, und Deine Tierärztin oder Dein Tierarzt weiß, welche Vorsorge zu Deiner Katze passt.
Was bleibt
Wir können ihr Fell bis zum Schnee zurückverfolgen und ihren Namen bis zu einer Geschichte, und wir können die Jahre zählen, die sie braucht, um ganz sie selbst zu werden. Was sich nicht recht erklären lässt, ist dieses Gefühl, wenn sich eine so große Katze neben Dich legt, den prachtvollen Schwanz um die Pfoten schlingt und Dich mit einem kleinen, hellen Triller begrüßt. Manches an ihr hat der Winter gemacht. Den Rest, so scheint es, hat sie selbst mitgebracht.
Weiterlesen: Die Norwegische Waldkatze: eine Katze aus den Wäldern der Sagen
Quellen
- Cat Fanciers’ Association (CFA) — Rasseporträt: America’s First Show Cat – The Maine Coon Cat. cfa.org.
- Feline Historical Foundation — Cosey’s Collar (National Cat Show, Madison Square Garden, 1895). felinehistoricalfoundation.org.
- Maine Revised Statutes, Title 1, §217 — State cat (Staatskatze von Maine).
- Lipinski, M. J. et al. (2008). The ascent of cat breeds: Genetic evaluations of breeds and worldwide random-bred populations. Genomics, 91(1), 12–21.
- Kittleson, M. D., Meurs, K. M., Munro, M. J. et al. (1999). Familial hypertrophic cardiomyopathy in Maine Coon cats: an animal model of human disease. Circulation, 99, 3172–3180.
- Meurs, K. M., Sanchez, X., David, R. M. et al. (2005). A cardiac myosin binding protein C mutation in the Maine Coon cat with familial hypertrophic cardiomyopathy. Human Molecular Genetics, 14, 3587–3593.
- Godiksen, M. T. N., Granstrøm, S., Koch, J. & Christiansen, M. (2011). Hypertrophic cardiomyopathy in young Maine Coon cats caused by the p.A31P cMyBP-C mutation – the clinical significance of having the mutation. Acta Veterinaria Scandinavica, 53, 7.
- Loder, R. T. & Todhunter, R. J. (2018). Demographics of hip dysplasia in the Maine Coon cat. Journal of Feline Medicine and Surgery, 20, 302–307.
- Low, M., Eksell, P., Högström, K. et al. (2019). Demography, heritability and genetic correlation of feline hip dysplasia and response to selection in a health screening programme. Scientific Reports, 9, 17164.
Allgemeine Information, keine tierärztliche Beratung. Die Katzenfotos auf dieser Seite sind mit KI erzeugt.