Die Siamkatze: der Monddiamant aus dem alten Siam
Ein heller Körper wie Mondlicht, dunkle Spitzen wie mit Tusche gemalt und Augen in einem Blau, das man nicht vergisst: Die Siamkatze kommt aus den alten Katzenbüchern Siams zu uns. Ein Porträt der Katze, die mit Dir spricht.
Foto: UnsplashStell Dir einen Abend an einem Fluss in Siam vor, vor langer Zeit. Die Hitze des Tages liegt noch über dem Wasser, Laternen spiegeln sich in der Strömung, und auf der Schwelle eines Holzhauses sitzt eine schlanke, helle Katze. Ihr Körper schimmert wie Elfenbein im letzten Licht. Nur ihr Gesicht, ihre Ohren, ihre Pfoten und ihr Schwanz sind dunkel, als hätte jemand sie behutsam in Tusche getaucht. Dann wendet sie den Kopf, und Du siehst ihre Augen, ein tiefes, klares Blau. Sie sieht Dich an und sagt etwas. Kein gewöhnliches Miau, eher eine Frage.
In Thailand trägt diese Katze den Namen Wichien Maat, den man mit „Monddiamant“ übersetzt. Ein Name wie aus einem Märchen, und vielleicht ist er genau das.
Eine Katze aus den alten Büchern
Lange bevor es Katzenausstellungen gab, malte man in Siam Katzen in gefaltete Bücher aus Papier. Diese Handschriften heißen Tamra Maew, Abhandlungen über Katzen. In zarten Farben zeigen sie Katzen, die als glückbringend galten, und zu jedem Bild gehören Verse, die beschreiben, woran man sie erkennt. Über den Monddiamanten heißt es dort sinngemäß: die Schnauze, der Schwanz, vier Pfoten und zwei Ohren, acht Spitzen von reinem Schwarz (Clutterbuck, 2008). Wer heute eine Siamkatze ansieht, erkennt sie in diesen Zeilen sofort wieder.
Wie alt die Verse sind, weiß niemand genau. Der Überlieferung nach stammen sie aus dem Königreich Ayutthaya, das von 1351 bis 1767 bestand. Doch als die alte Hauptstadt 1767 zerstört wurde, gingen unzählige Schriften verloren, und alle Handschriften, die wir heute kennen, entstanden erst danach, in der Zeit nach der Neugründung des Reiches ab 1782 (Clutterbuck, 2008). Ein schönes Exemplar in der British Library wird ins 19. Jahrhundert datiert. Einen Namen oder ein Datum trägt es nicht. Vielleicht wurden die Verse über viele Generationen abgeschrieben, von Hand zu Hand, wie ein Lied, das man weitergibt. Vielleicht sind sie jünger, als die Legende es möchte. Gerade diese Unschärfe macht sie so kostbar.
Die Reise nach Europa
Im Juli 1871 fand im Londoner Crystal Palace die erste große Katzenausstellung statt. Unter den Tieren war, so überliefert es der Katzenhistoriker John G. Smithson, auch ein Paar Siamkatzen, ausgestellt von einem Mr. Maxwell. Ob es Siamkatzen im heutigen Sinn waren, lässt sich nicht mehr sicher sagen. Belegt ist die Ankunft von 1884: Der britische Generalkonsul in Bangkok, Edward Blencowe Gould, brachte ein Paar als Geschenk für seine Schwester Lilian nach England. Ihre Jungen wurden 1885 im Crystal Palace gezeigt, und Lilian Gould gründete 1901 den Siamese Cat Club mit. Auf der anderen Seite des Atlantiks war schon 1878 eine Siamkatze namens „Siam“ angekommen, ein Geschenk an Präsident Rutherford B. Hayes.
Lange kannte man nur eine Farbe, Seal, ein warmes, fast schwarzes Braun an den Spitzen. Die amerikanische Cat Fanciers’ Association (CFA), die die Rasse seit ihrer eigenen Gründung 1906 führt, erkannte Blue Point 1934 an, Chocolate Point 1952 und Lilac Point 1955.
Eine Farbe, die der Wärme folgt
Das Geheimnis ihrer Zeichnung liegt in einem einzigen Enzym. Die Tyrosinase hilft dem Körper, Pigment zu bilden. Bei der Siamkatze trägt das Gen TYR eine winzige Veränderung, die Variante cs. Zwei Forschungsgruppen fanden sie 2005 unabhängig voneinander (Lyons et al., 2005; Schmidt-Küntzel et al., 2005). Diese Form des Enzyms arbeitet nur dort gut, wo der Körper etwas kühler ist. An der warmen Körpermitte bleibt das Fell hell, an Ohren, Pfoten, Schwanz und Gesicht färbt es sich dunkel.
Deshalb kommen Siamkätzchen fast weiß zur Welt. Im Mutterleib war es überall gleich warm. Erst nach der Geburt kühlen die Spitzen ein wenig ab, und Woche für Woche erscheint die Zeichnung, als würde sie langsam aus dem Inneren hervortreten. Mit den Jahren werden die kühleren Partien oft noch dunkler (Langley, 2023). Eine Katze, auf deren Fell sich die Wärme ihres eigenen Körpers abzeichnet, wie eine Landkarte aus Licht und Schatten.
Foto: UnsplashEine Stimme, die etwas zu sagen hat
Wer mit einer Siamkatze lebt, lebt selten in Stille. Die CFA schreibt, keine andere Rasse komme ihr in der Fähigkeit gleich, sich Menschen mitzuteilen, mit einem großen Repertoire an Lauten und einer ausdrucksstarken Körpersprache. Sie kommentiert, sie fragt, sie ruft aus dem Nebenzimmer nach Dir, und wenn Du antwortest, antwortet sie zurück. Manche ihrer Laute erinnern sogar an die Stimme eines kleinen Kindes. Wie viel Katzen mit ihren leiseren Tönen sagen, erzählen wir in Warum Katzen schnurren.
In ihrer Stimme liegt eine tiefe Zugewandtheit. Siamkatzen gelten als sehr anhänglich und wollen dabei sein, bei allem, was Du tust. Viele schließen sich einem Menschen besonders eng an und bleiben ihm von Herzen treu. Sie suchen die Wärme, am liebsten auf Deinem Schoß, und die CFA bemerkt mit einem Augenzwinkern, sie liebten Dich auch deshalb, weil Du so schön warm bist. Wer so viel Nähe sucht, freut sich über Gesellschaft, wenn ihre Menschen lange fort sind, etwa über eine zweite Katze an ihrer Seite.
Zwei Gesichter einer Rasse
Auf alten Fotos haben Siamkatzen rundere Köpfe und kräftigere Körper als viele Siamkatzen heute. Ab etwa 1950 setzte sich auf den Ausstellungen ein immer schlankerer, gestreckter Typ durch, und Mitte der 1980er-Jahre war die ursprüngliche Form dort fast verschwunden. Der heutige Standard der CFA beschreibt eine mittelgroße, geschmeidige Katze mit langen, fließenden Linien, einem keilförmigen Kopf, großen Ohren und mandelförmigen, tiefblauen Augen.
Doch die alte Form ging nicht verloren. Ende der 1980er-Jahre begannen Züchter:innen in Europa und Nordamerika, die ursprüngliche Siamkatze zu bewahren, auch mit Katzen aus Osteuropa, wo der frühe Typ überdauert hatte. Sie nannten sie Thai, nach dem heutigen Namen des Landes. Die World Cat Federation (WCF) verlieh ihr 1990 den vollen Meisterschaftsstatus, und um das Jahr 2000 kamen Katzen aus Thailand selbst hinzu. Zwei Gesichter, ein Ursprung: Beide tragen dieselben acht dunklen Spitzen aus den alten Versen.
Ein Wort zur Gesundheit
Viele frühe Siamkatzen schielten leicht oder trugen einen Knick im Schwanz. In der Zucht galten beide Merkmale später als Fehler, und sorgfältige Zucht hat sie deutlich seltener werden lassen. Der heutige Standard der CFA verlangt Augen, die nicht schielen, und ein sichtbarer Knick im Schwanz schließt eine Katze von der Bewertung aus.
Gut erforscht ist außerdem eine erbliche Netzhauterkrankung, die progressive Retinaatrophie rdAc. Sie wird rezessiv vererbt und zeigt sich erst im Laufe des Lebens. Die verantwortliche Variante im Gen CEP290 wurde zuerst bei Abessinierkatzen gefunden (Menotti-Raymond et al., 2007). Später zeigte sich, dass sie in vielen Rassen vorkommt und in Siam-Populationen Nordamerikas und Europas vergleichsweise verbreitet war (Menotti-Raymond et al., 2010). Seither gibt es einen Gentest, mit dem verantwortungsvolle Züchter:innen dafür sorgen können, dass keine betroffenen Kätzchen zur Welt kommen. Frag nach den Testergebnissen der Elterntiere. Deine Tierärztin oder Dein Tierarzt weiß, welche Vorsorge zu Deiner Katze passt.
Was bleibt
Wir können ihre Zeichnung bis zu einem einzigen Enzym zurückverfolgen, ihre Reise bis zu einem Konsul in Bangkok und ihre Gestalt bis zu acht dunklen Spitzen in einem gefalteten Buch. Was sich nicht erklären lässt, ist der Moment, in dem sie Dich am Abend ansieht, mit diesen Augen, so blau wie Wasser im Schatten, und Dir etwas erzählt, das Du nicht übersetzen kannst. Vielleicht von Laternen über einem Fluss. Vielleicht von einem Buch, dessen erste Seite niemand mehr kennt. Du verstehst die Worte nicht. Aber Du weißt genau, dass sie mit Dir spricht.
Weiterlesen: Was das langsame Blinzeln wirklich sagt
Quellen
- Clutterbuck, M. (2008). Inventory: Auspicious Cats. Cabinet, 30 (Summer 2008). cabinetmagazine.org. (Tamra Maew: Überlieferung aus der Ayutthaya-Zeit 1351–1767, erhaltene Handschriften erst ab 1782; Vers über die acht dunklen Spitzen des Wichien Maat.)
- The Public Domain Review — The Cat’s Maew: Thai Treatise on Auspicious Felines (19th Century). publicdomainreview.org. (Wichien Maat, „Monddiamant“.)
- Library of Congress — Treatise on Cats [1800–1899]. Digitale Kopie der Handschrift British Library Or 16797. loc.gov/item/2021668043.
- Cat-o-pedia (2020). Felis Historica: Tachin (nach J. G. Smithson, An Historical Portrait of Seal Point Siamese; Siamkatzen von Mr. J. Maxwell auf der Crystal-Palace-Ausstellung im Juli 1871). cat-o-pedia.org.
- Governing Council of the Cat Fancy (GCCF) — Rasseprofil Siamese (Gould 1884, Crystal Palace 1885, Siamese Cat Club 1901, Wesen und Stimme). gccfcats.org.
- Cat Fanciers’ Association (CFA) — Rasseprofil Siamese (Hayes 1878, CFA 1906, Farbanerkennungen, Wesen und Stimme) und Siamese Show Standard (rev. 2026). cfa.org.
- World Cat Federation (WCF) — Rassebeschreibung Thai (Typwandel ab etwa 1950, Thai-Zucht, Meisterschaftsstatus 1990). wcf.de.
- Lyons, L. A., Imes, D. L., Rah, H. C. & Grahn, R. A. (2005). Tyrosinase mutations associated with Siamese and Burmese patterns in the domestic cat (Felis catus). Animal Genetics, 36(2), 119–126.
- Schmidt-Küntzel, A., Eizirik, E., O’Brien, S. J. & Menotti-Raymond, M. (2005). Tyrosinase and tyrosinase related protein 1 alleles specify domestic cat coat color phenotypes of the albino and brown loci. Journal of Heredity, 96(4), 289–301.
- Langley, L. (2023, 27. Oktober). How Siamese cats change their colors. National Geographic. nationalgeographic.com.
- VCA Animal Hospitals — Siamese (Rasseprofil: Schielen und Knickschwanz in früheren Generationen häufiger, Stimme). vcahospitals.com.
- Menotti-Raymond, M., David, V. A., Schäffer, A. A. et al. (2007). Mutation in CEP290 discovered for cat model of human retinal degeneration. Journal of Heredity, 98(3), 211–220.
- Menotti-Raymond, M., David, V. A., Pflueger, S. M. et al. (2010). Widespread retinal degenerative disease mutation (rdAc) discovered among a large number of popular cat breeds. The Veterinary Journal, 186(1), 32–38.
- UC Davis Veterinary Genetics Laboratory — Colorpoint Restriction; Progressive Retinal Atrophy (PRA rdAc). vgl.ucdavis.edu.
Allgemeine Information, keine tierärztliche Beratung. Fotos: Unsplash.