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Rassen & Schönheit · 7 Min.

Die Europäische Hauskatze: die Katze, die geblieben ist

Gestreift wie ein Feld im Abendlicht, mit Augen wie Bernstein und einer Ahnenreihe, die rund zehntausend Jahre zurückreicht: Die Europäische Hauskatze ist keine Rasse und erzählt doch die älteste Geschichte von allen. Ein Porträt der Katze, die in so vielen Wohnungen lebt.

Getigerte Hauskatze vor einer BacksteinmauerFoto: Unsplash

Stell Dir einen Hof am Rand eines Dorfes vor, an einem Abend im Spätsommer. Das Heu ist eingebracht, die Schwalben fliegen tief, und auf dem warmen Stein vor der Scheune liegt eine getigerte Katze. Ihr Fell trägt die Farben des Feldes, Braun und Grau und ein wenig Gold, durchzogen von dunklen Streifen. Sie blinzelt Dir langsam zu und rührt sich nicht. Sie gehört hierher, so selbstverständlich wie die Linde am Tor. Und doch ist sie von sehr weit her gekommen.

Die Europäische Hauskatze ist keine Rasse im strengen Sinn. Sie hat keinen Stammbaum, keinen Standard und keinen berühmten Gründerkater. Sie ist einfach die Katze, die bei uns lebt, auf Höfen, in Altbauwohnungen, auf sonnigen Fensterbänken. Gerade deshalb verdient sie ein Porträt. Denn ihre Geschichte ist die älteste von allen.

Eine Wildkatze, die blieb

Ihre Vorfahrin ist die Falbkatze, Felis silvestris lybica, eine Wildkatze des Nahen Ostens. Als Forscher:innen das Erbgut von fast tausend Haus- und Wildkatzen verglichen, führten die Spuren in den Fruchtbaren Halbmond, dorthin, wo Menschen die ersten Dörfer bauten und Getreide anpflanzten (Driscoll et al., 2007). Man kann sich vorstellen, wie es begann: Die Vorräte lockten Mäuse an, die Mäuse lockten Wildkatzen an, und einige von ihnen blieben. Niemand hat sie gezähmt, wie man ein Pferd zähmt. Sie kamen, und sie entschieden sich zu bleiben.

Wie früh diese Nähe begann, erzählt ein Grab auf Zypern. In der jungsteinzeitlichen Siedlung Shillourokambos fanden Archäolog:innen ein etwa 9.500 Jahre altes Menschengrab, und nur rund 40 Zentimeter daneben das Skelett einer Katze, die etwa acht Monate alt war (Vigne et al., 2004). Die Menschen, die sich auf der Insel niederließen, brachten ihre Tiere vom Festland mit, über das Meer, und die Katzen kamen offenbar mit ihnen. Wer eine Katze auf ein Boot nimmt und sie später an seiner Seite begräbt, hat sie nicht bloß geduldet.

Mit Bauern und Schiffen

Von dort aus begann eine leise Eroberung. Eine große Studie mit dem Erbgut von über 200 Katzen aus archäologischen Fundstätten, bis zu 9.000 Jahre alt, zeichnet ihre Wege nach (Ottoni et al., 2017). Zuerst zogen Katzen mit den frühen Bauern aus dem Nahen Osten hinaus in die Welt. Später, in der Antike, breitete sich eine Linie aus Ägypten aus. Sie reiste auf Handelsschiffen, wo Katzen den Proviant vor Mäusen und Ratten schützten, von Hafen zu Hafen, über das ganze Mittelmeer. Knochen von Katzen mit ägyptischer Erbspur fanden sich sogar in Ralswiek an der Ostsee, einem Handelsplatz der Wikingerzeit.

Wenn Du heute eine Hauskatze streichelst, berührst Du also das Ende einer sehr langen Reise. Ihre Ahnen haben Felder durchstreift, Schiffe bewacht und fremde Häfen erkundet, Generation um Generation, bis sie schließlich bei Dir auf dem Sofa ankamen.

Gestreift oder gewirbelt

Viele Hauskatzen tragen ein Tabby-Muster, und es kommt in zwei klassischen Formen vor. Beim Mackerel-Tabby, dem Tigermuster, laufen schmale, dunkle Streifen in parallelen Linien über die Flanken. Beim Blotched- oder Classic-Tabby wirbeln breite Bänder und Kreise über den Körper, wie Maserungen in poliertem Holz.

Welches der beiden Muster eine Katze trägt, entscheidet ein einziges Gen, Taqpep. Forscher:innen fanden es 2012 bei verwilderten Katzen aus Kalifornien: Alle Katzen mit gewirbeltem Muster trugen in beiden Kopien des Gens eine von zwei Veränderungen, die Tigerkatzen dagegen mindestens eine unveränderte Kopie (Kaelin et al., 2012). Dasselbe Gen verwandelt beim seltenen Königsgepard die Punkte in breite Streifen und Flecken.

Das schmale Streifenmuster ist das ursprüngliche. Die große Erbgutstudie zeigt, dass gestreifte Katzen in der Antike weit verbreitet waren und das gewirbelte Muster erst ab dem Mittelalter auftauchte und häufiger wurde (Ottoni et al., 2017). Die Katzen der Antike trugen also meist Streifen. Die wirbelnde Zeichnung, die heute so vielen Katzen ein Kleid wie aus Marmor gibt, ist dagegen eine vergleichsweise junge Laune der Natur.

Hauskatze sitzt im Licht am FensterFoto: Unsplash

Auf Höfen und hinter Klostermauern

Über Jahrhunderte war sie eine stille Mitarbeiterin. Auf den Höfen hielt sie die Mäuse vom Korn fern, in den Städten von den Speichern, auf den Schiffen vom Proviant. In den Chroniken taucht sie selten mit Namen auf. Aber sie war überall.

Und manchmal bekam sie doch einen Namen. Im frühen 9. Jahrhundert schrieb ein irischer Mönch, wohl im Umfeld des Klosters Reichenau am Bodensee, ein kleines Gedicht in sein Notizbuch, zwischen lateinische Hymnen und Grammatiktexte. Es handelt von seinem Kater Pangur Bán, dem weißen Pangur. Der Mönch jagt dem Sinn schwieriger Wörter nach, der Kater jagt Mäuse, und jeder der beiden ist zufrieden bei seiner Arbeit. Die Handschrift liegt heute in der Stiftsbibliothek von St. Paul im Lavanttal in Kärnten. Mehr als tausend Jahre später spürt man beim Lesen noch immer die stille Freundschaft zwischen einem Menschen und seiner Katze, an einem Pult im Kerzenlicht.

Eine Rasse mit demselben Gesicht

Es gibt auch eine Rassekatze, die dieses Aussehen bewahren möchte: Europäisch Kurzhaar. Ihre Wurzeln reichen ins frühe 20. Jahrhundert zurück, als Züchter:innen im Norden Europas die ursprünglichen nordischen Hauskatzen erhalten wollten. Die Fédération Internationale Féline (FIFe) führt sie als eigene Rasse und beschreibt sie als mittelgroße bis große, kräftige und geschmeidige Katze mit großem Kopf, runden Augen und kurzem, dichtem, glänzendem Fell. Ziel der Zucht ist ausdrücklich, dem Typ der ursprünglichen Katzen so nah wie möglich zu bleiben. Die World Cat Federation kennt sie unter dem Namen Celtic Shorthair.

Die Rassekatze ist ein schönes Spiegelbild. Dieses Porträt aber gehört vor allem der anderen, der Katze ohne Papiere, die in so vielen Häusern lebt und die vielleicht gerade jetzt neben Dir liegt.

Jede ein Original

Weil niemand sie auf ein Ideal hin gezüchtet hat, ist jede Hauskatze ein eigenes Original. Es gibt die getigerte und die schwarze, die rote und die graue, die mit weißem Lätzchen und die mit vier weißen Socken. Es gibt die Abenteurerin, die jeden Winkel des Gartens kennt, und die Stille, die am liebsten im Wäschekorb schläft. Ihr Wesen erzählt viel davon, was sie erlebt hat, vor allem in den ersten Lebenswochen. Wie sehr diese frühe Zeit eine Katze prägt, beschreiben wir in Die zwölf Wochen, die ein Kitten prägen.

Für ihre Gesundheit gibt es keinen Rassestandard und keine rassetypischen Gentests. Was ihr guttut, ist dasselbe, was jeder Katze guttut: regelmäßige Besuche bei der Tierärztin oder dem Tierarzt, die passende Vorsorge und ein Zuhause, in dem sie jagen, klettern und ruhen darf. Deine Tierärztin oder Dein Tierarzt weiß, was zu Deiner Katze passt.

Vielleicht wartet sie schon

Wenn Du einmal durch ein Tierheim gehst, wirst Du ihr begegnen, wieder und wieder. Getigert, schwarz-weiß, grau, rot, mit weißen Pfoten oder ohne. Viele der Katzen, die dort auf ein Zuhause warten, sehen aus wie sie. Jede von ihnen hat ihre eigene Geschichte, ihre eigenen Vorlieben und ihre ganz eigene Art, Dir eines Tages zu zeigen, dass sie Dich mag. Falls Du daran denkst, einer Katze ein Zuhause zu schenken, lohnt sich der Weg dorthin. Mehr darüber erzählen wir auf unserer Seite Tierschutz.

Was bleibt

Wir können ihre Herkunft bis zu einer Wildkatze im Fruchtbaren Halbmond zurückverfolgen, ihr Muster bis zu einem einzigen Gen und ihre Nähe zu uns bis zu einem Grab auf Zypern. Was sich nicht erklären lässt, ist, warum sie geblieben ist. Warum eine Wildkatze, die uns zum Überleben nicht brauchte, sich eines Tages entschied, an unserem Feuer zu sitzen, und es seither nicht mehr verlassen hat. Vielleicht weiß sie es selbst nicht. Vielleicht liegt die Antwort in dem Moment, in dem sie abends auf Deinen Schoß steigt, sich zweimal im Kreis dreht und mit einem tiefen Seufzer niederlässt. Als wäre sie nach zehntausend Jahren endlich angekommen.

Weiterlesen: Warum Katzen ihren Kopf an Dir reiben

Quellen

  1. Driscoll, C. A., Menotti-Raymond, M., Roca, A. L. et al. (2007). The Near Eastern origin of cat domestication. Science, 317(5837), 519–523.
  2. Vigne, J.-D., Guilaine, J., Debue, K., Haye, L. & Gérard, P. (2004). Early taming of the cat in Cyprus. Science, 304(5668), 259.
  3. Science News Explores (2004). The taming of the cat. snexplores.org. (Shillourokambos: Katze etwa acht Monate alt; Tiere vom Festland nach Zypern gebracht.)
  4. Ottoni, C., Van Neer, W., De Cupere, B. et al. (2017). The palaeogenetics of cat dispersal in the ancient world. Nature Ecology & Evolution, 1, 0139.
  5. Königliches Belgisches Institut für Naturwissenschaften (2017). Domestication of the cat: ancient DNA reveals significant role of the Near East and Egypt. naturalsciences.be. (Pressemitteilung zu Ottoni et al., 2017.)
  6. Kaelin, C. B., Xu, X., Hong, L. Z. et al. (2012). Specifying and sustaining pigmentation patterns in domestic and wild cats. Science, 337(6101), 1536–1541.
  7. Yong, E. (2012, 20. September). One way to skin a cat: same genes behind blotches of tabbies and king cheetahs. National Geographic, Phenomena. nationalgeographic.com.
  8. CODECS — St. Paul im Lavanttal, Stiftsbibliothek, MS 86a/1 (Reichenauer Schulheft, frühes 9. Jahrhundert, mit dem altirischen Gedicht Pangur Bán). codecs.vanhamel.nl.
  9. Fédération Internationale Féline (FIFe) — Rasseprofil European (EUR). fifeweb.org.
  10. World Cat Congress — Breed comparison: European Shorthair / Celtic Shorthair (Anerkennung durch FIFe, WCF, TICA). worldcatcongress.org.

Allgemeine Information, keine tierärztliche Beratung. Fotos: Unsplash.