Was Schnurrhaare wissen
Die langen, hellen Haare links und rechts ihres Gesichts sind kein Schmuck. Jedes wurzelt in einem dichten Geflecht aus Nerven, und gemeinsam lesen sie die Welt in einer Sprache aus Berührung, die wir uns kaum vorstellen können.
KI-generiertSchau ihr zu, wenn eine Tür nur halb offen steht. Sie hält inne, den Kopf vorgestreckt, und einen Moment lang scheint nichts zu geschehen. Dann fächern sich die Schnurrhaare auf, die äußersten Spitzen streifen den Rahmen rechts und links, und sie entscheidet sich — hindurch oder noch nicht. Das alles dauert kaum einen Herzschlag. Du hast gerade gesehen, wie sie die Welt mit ihrem Gesicht vermisst.
Schnurrhaare, in der Fachsprache Vibrissen, gehören zu den feinsten Sinnesorganen, die ein Säugetier besitzt. Sie sehen aus wie Haare. Sie arbeiten eher wie Fingerspitzen.
Was die Forschung herausgefunden hat
Jedes Schnurrhaar wurzelt in einem Nest aus Nerven. Ein Schnurrhaar wächst aus einem tiefen Haarbalg, den ein kleines Blutpolster umschließt, und dieser Balg ist erstaunlich dicht mit Nervenfasern versorgt: bei Katzen wie bei Nagetieren und Kaninchen mit etwa hundert bis zweihundert für jedes einzelne Haar (Rice et al., 1986). Das Haar selbst spürt nichts. Doch schon die leiseste Biegung an seiner Spitze wandert wie über einen Hebel nach unten und wird an der Wurzel gelesen.
Auch an den Vorderbeinen trägt sie Tasthaare. Sieh Dir die Rückseite ihres Vorderbeins an, knapp oberhalb der Pfote. Dort steht ein kleines Büschel steifer Haare, die Karpalvibrissen. Viele Säugetiere besitzen sie (Beddard, 1902). Bei der Katze wachsen sie aus einem winzigen Sinnesorgan, das reich mit Mechanorezeptoren ausgestattet ist (Nilsson, 1976). Wenn sie ein Spielzeug unter der Pfote festhält, spürt sie womöglich jedes Zucken.
Vielleicht lesen sie sogar die Luft. An Ratten wurde gemessen, wie sich Schnurrhaare schon in einem sanften Luftstrom biegen, genug, um die Richtung eines Windhauchs zu erkennen (Yu, Graff & Hartmann, 2016). Ob Katzen ihre Schnurrhaare ebenso einsetzen, ist so direkt noch nicht untersucht. Forschende vermuten es: Der Hauch aus einem offenen Fenster oder die Luft, die eine Hand vor sich herschiebt, wäre für sie dann etwas Spürbares.
Katzen tasten nicht im Takt, sie richten aus. Ratten lassen ihre Schnurrhaare viele Male in der Sekunde vor- und zurückschwingen. Katzen tun das, wie Hunde, offenbar nicht (Prescott, Mitchinson & Grant, 2011). Sie bewegen ihre Schnurrhaare mit Absicht: nach vorn gerichtet, weit aufgefächert oder eng an die Wangen gelegt.
Ihre Stellung gehört zum Gesichtsausdruck. In einem Katzencafé in Los Angeles filmte eine Forscherin rund ein Jahr lang die Begegnungen von 53 Katzen und wertete ihre Gesichter Bewegung für Bewegung aus. Bei freundlichen Begegnungen richteten die Katzen Ohren und Schnurrhaare eher nach vorn, zur anderen Katze hin (Scott & Florkiewicz, 2023). Der Befund zu den Schnurrhaaren lag knapp an der Grenze statistischer Bedeutsamkeit, er ist also eine Spur und keine Regel. Und doch kennen alle, die mit einer Katze leben, diese nach vorn gestellten, beinahe neugierigen Schnurrhaare, wenn sie sich für Dich interessiert.
Können Schnurrhaare ermüden? Die Vorstellung, enge, tiefe Näpfe würden die Schnurrhaare bei jeder Mahlzeit überreizen, ist unter dem Namen „Whisker Fatigue“ weit verbreitet. Als man sie an 38 Wohnungskatzen überprüfte, machte ein schnurrhaarfreundlicher Napf keinen messbaren Unterschied: weder bei der Fressdauer noch bei der Futtermenge oder beim verstreuten Futter. Die Halter:innen berichteten allerdings, dass 24 der 38 Katzen den breiten, flachen Napf offenbar vorzogen (Slovak & Foster, 2021). Die Ermüdung selbst ist nicht belegt. Die Vorliebe könnte echt sein.
Wenn Du selbst hinschaust
Wenn sie das nächste Mal entspannt neben Dir liegt, schau auf ihre Schnurrhaare, bevor Du sie berührst. Wo liegen sie in Ruhe? Dann halte ihr eine Fingerspitze in einigem Abstand vors Gesicht und sieh zu: Oft wandern die Schnurrhaare ihr entgegen, noch bevor sie selbst sich rührt. Und wenn Du neugierig bist, stell eine Woche lang einen breiten, flachen Teller neben ihren gewohnten Napf. Lass sie wählen.
Was ihr gehört
Oft heißt es, die Schnurrhaare einer Katze seien genau so breit wie ihr Körper. Sorgfältig gemessen hat das niemand. Ratten erkennen mit ihren Schnurrhaaren selbst kleine Unterschiede in der Breite einer Öffnung (Krupa et al., 2001). Für Katzen ist das denkbar, und doch bleibt es eine schöne Annahme. Wie es ist, einen Raum über die Spitzen feiner Haare zu spüren und eine Hand zu ahnen, bevor sie ankommt, können wir nicht wissen. Dieser Teil gehört ihr.
Die Forschung legt nahe, sie beweist nicht. Vieles über den Bau der Schnurrhaare stammt aus sorgfältiger Laborarbeit, manches davon von Ratten. Die Café-Studie wertete 53 Katzen aus, die Napfstudie 38. Wo Katzen nicht direkt gemessen wurden, sagen wir es dazu.
Weiterlesen: Warum Katzen schnurren
Quellen
- Rice, F. L., Mance, A. & Munger, B. L. (1986). A comparative light microscopic analysis of the sensory innervation of the mystacial pad. I. Innervation of vibrissal follicle-sinus complexes. Journal of Comparative Neurology, 252(2), 154–174.
- Beddard, F. E. (1902). Observations upon the carpal vibrissae in mammals. Proceedings of the Zoological Society of London, 72(1), 127–136.
- Nilsson, B. Y. (1976). The mechanoreceptors of the sinus hair organ on the cat’s foreleg. Progress in Brain Research, 43, 215–229.
- Yu, Y. S. W., Graff, M. M. & Hartmann, M. J. Z. (2016). Mechanical responses of rat vibrissae to airflow. Journal of Experimental Biology, 219, 937–948.
- Prescott, T. J., Mitchinson, B. & Grant, R. A. (2011). Vibrissal behavior and function. Scholarpedia, 6(10), 6642.
- Scott, L. & Florkiewicz, B. N. (2023). Feline faces: Unraveling the social function of domestic cat facial signals. Behavioural Processes, 213, 104959.
- Slovak, J. E. & Foster, T. E. (2021). Evaluation of whisker stress in cats. Journal of Feline Medicine and Surgery, 23(4), 389–392.
- Krupa, D. J., Matell, M. S., Brisben, A. J., Oliveira, L. M. & Nicolelis, M. A. L. (2001). Behavioral properties of the trigeminal somatosensory system in rats performing whisker-dependent tactile discriminations. Journal of Neuroscience, 21(15), 5752–5763.
Allgemeine Information, keine tierärztliche Beratung. Die Katzenfotos auf dieser Seite sind mit KI erzeugt.