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Seele & Bindung · 5 Min.

Was der aufgestellte Schwanz sagt

Sie kommt Dir entgegen, den Schwanz senkrecht erhoben wie eine kleine Fahne. Die Forschung liest darin einen freundlichen Gruß, der womöglich erst entstand, als Katzen ihr Leben mit uns zu teilen begannen. Ganz entschlüsselt ist er bis heute nicht.

Eine getigerte Katze läuft mit erhobenem Schwanz an einem Geländer entlangFoto: Unsplash

Du schließt die Wohnungstür auf, und noch bevor Du die Tasche abgestellt hast, hörst Du das leise Tappen. Sie kommt Dir durch den Flur entgegen, ohne Eile, den Schwanz senkrecht in die Luft gestellt, die Spitze ein wenig zur Seite geneigt wie ein Fragezeichen. Vor Dir hält sie kurz inne, dann streicht sie an Deinen Beinen entlang. Kein Laut war nötig. Du hast verstanden.

Der erhobene Schwanz ist eines der ersten Zeichen, das Menschen an Katzen lesen lernen. Er ist uns so vertraut, dass wir kaum noch darüber staunen. Manche Katzen tragen ihn durch die ganze Wohnung vor sich her wie eine kleine Laterne. Erstaunlich ist, wie jung er in der langen Geschichte der Katzen womöglich ist, und wie viel er der Forschung bis heute zu raten aufgibt.

Was die Forschung herausgefunden hat

Er kündigt eine freundliche Begegnung an. In den 1990er-Jahren beobachtete die Verhaltensforscherin Charlotte Cameron-Beaumont Katzen, die in Gruppen zusammenlebten. Ging eine Katze auf eine andere zu, um sich an ihr zu reiben oder sie zu beschnuppern, trug sie in mehr als 80 Prozent dieser Begegnungen den Schwanz aufgestellt. Fast jedes Reiben begann damit, dass sich eine Katze mit erhobenem Schwanz näherte. Hob die andere ihren Schwanz ebenfalls, wurde ein Reiben noch wahrscheinlicher (Bradshaw & Cameron-Beaumont, 2000). Die Spitze, so beschreibt es die Forschung, neigt sich dabei manchmal sanft zur Seite (Vitale, 2022).

Schon ein Schattenriss genügt. Ist der Schwanz wirklich eine Botschaft oder nur ein Ausdruck guter Stimmung? Um das zu prüfen, zeigte Cameron-Beaumont Hauskatzen katzengroße Silhouetten, die sich in einem einzigen Detail unterschieden: der Haltung des Schwanzes. Auf den Schattenriss mit erhobenem Schwanz gingen die Katzen schneller und mit weniger Zögern zu, und öfter stellten sie dabei selbst den Schwanz auf (Cameron-Beaumont, 1997; Bradshaw & Cameron-Beaumont, 2000). Der senkrechte Schwanz, so folgerten die Forscher:innen, kündigt die Absicht an, einander freundlich zu begegnen.

Er ist kein einfaches Hallo. Zwei italienische Forscherinnen sahen in einer Kolonie frei lebender Katzen noch genauer hin. Nur in knapp einem Viertel der Fälle folgte auf den erhobenen Schwanz eine weitere freundliche Geste, und manche Katzen richteten ihn auffällig oft an ganz bestimmte andere Katzen. Tiere mit niedrigerem Rang zeigten ihn häufiger, Tiere mit höherem Rang empfingen ihn häufiger. Der erhobene Schwanz, schrieben die beiden, sei „nicht einfach ein Begrüßungsverhalten“ (Cafazzo & Natoli, 2009; Vitale, 2022). Vielleicht ist er eher eine Art Höflichkeit, mit der eine Katze sagt, dass sie in Frieden kommt.

Bei ihren wilden Verwandten fehlt er. Cameron-Beaumont beobachtete auch vier kleine Wildkatzenarten in menschlicher Obhut, darunter Rohrkatzen und Karakale. Fast alle sozialen Gesten der Hauskatze fand sie bei ihnen wieder, das Reiben ebenso wie das Beschnuppern. Nur den erhobenen Schwanz als freundliches Signal zeigte keine von ihnen (Cameron-Beaumont, 1997). Sie rieben sich aneinander, ohne den Schwanz zu heben. Die Forscherin vermutete deshalb, dass dieses Zeichen erst bei der Hauskatze entstanden ist, womöglich in der Zeit, in der sie begann, ihr Leben mit dem Menschen zu teilen. Eine bemerkenswerte Ausnahme ist der Löwe, bei dem ein erhobener Schwanz während des Kopfreibens beschrieben wurde (Bradshaw & Cameron-Beaumont, 2000). Ob die Geste wirklich so jung ist oder älter, als wir ahnen, ist offen.

Eine weiße Katze mit getigerten Flecken läuft mit senkrecht erhobenem Schwanz auf die Kamera zuFoto: Unsplash

Uns zeigt sie ihn besonders oft. Im großen Freigehege eines französischen Tierheims beobachtete ein Forschungsteam 29 Katzen, rund hundert Stunden lang. Gingen die Katzen auf einen Menschen zu, trugen sie fast immer, in 97,8 Prozent der Fälle, den Schwanz aufgestellt und die Ohren aufgerichtet, und meist strichen sie anschließend an den Beinen entlang. Untereinander hielten sie den Schwanz dagegen bei drei von vier Begegnungen unten, und für den Ausgang dieser Begegnungen erwiesen sich die Ohren als aufschlussreicher (Deputte et al., 2021). Ein Signal, das unter Katzen eher leise mitschwingt, scheint sich an uns besonders deutlich zu richten.

Wenn Du selbst hinschaust

Achte in den nächsten Tagen darauf, wann ihr Schwanz nach oben wandert. Wenn Du nach Hause kommst? Wenn Du morgens die Küche betrittst? Wenn sie einer anderen Katze begegnet? Schau auch auf die Spitze, ob sie sich zur Seite neigt. Und wenn sie mit erhobenem Schwanz auf Dich zukommt, geh in die Hocke, halte ihr ruhig die Hand hin und lass sie entscheiden, ob sie ihre Wange daran reibt. Es ist ihr Gruß. Wie nah sie kommt, darfst Du ihr überlassen. Vielleicht merkst Du nach einer Woche, dass es bestimmte Momente sind, bestimmte Menschen, bestimmte Räume. Dann hältst Du eine kleine Landkarte ihrer Zuneigung in den Händen.

Was bleibt

Ein Schwanz, der senkrecht in die Luft zeigt, kündigt Nähe an. Unter Katzen tut er es leise und nicht immer, bei uns fast jedes Mal. Woher diese Geste stammt, ob sie in der langen Zeit an unserer Seite entstanden ist oder älter ist, als die Forschung bisher sehen konnte, weiß niemand genau. Vielleicht macht gerade das sie so kostbar: ein Zeichen, das womöglich erst entstand, als Katzen ihr Leben mit uns zu teilen begannen, und das wir trotzdem nie ganz lesen werden. Wenn sie Dir das nächste Mal so entgegenkommt, nimm es einfach an. Dieser Teil gehört ihr.

Die Forschung legt nahe, sie beweist nicht. Vieles über den erhobenen Schwanz stammt aus Beobachtungen an Katzengruppen und aus einer einzigen Doktorarbeit der 1990er-Jahre. Die Tierheimstudie beobachtete 29 Katzen in einem einzigen Gehege. Über Katzen, die allein mit ihren Menschen leben, wissen wir weniger.

Weiterlesen: Warum Katzen ihren Kopf an Dir reiben

Quellen

  1. Bradshaw, J. & Cameron-Beaumont, C. (2000). The signalling repertoire of the domestic cat and its undomesticated relatives. In D. C. Turner & P. Bateson (Hrsg.), The Domestic Cat: The Biology of Its Behaviour (2. Aufl., S. 67–93). Cambridge University Press.
  2. Cameron-Beaumont, C. L. (1997). Visual and tactile communication in the domestic cat (Felis silvestris catus) and undomesticated small felids. Dissertation, University of Southampton.
  3. Cafazzo, S. & Natoli, E. (2009). The social function of tail up in the domestic cat (Felis silvestris catus). Behavioural Processes, 80(1), 60–66.
  4. Vitale, K. R. (2022). The social lives of free-ranging cats. Animals, 12(1), 126.
  5. Deputte, B. L., Jumelet, E., Gilbert, C. & Titeux, E. (2021). Heads and tails: An analysis of visual signals in cats, Felis catus. Animals, 11(9), 2752.

Allgemeine Information, keine tierärztliche Beratung. Fotos: Unsplash.