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Seele & Bindung · 5 Min.

Warum Katzen Kartons lieben

Ein leerer Karton steht kaum eine Minute auf dem Boden, und schon sitzt sie darin. Die Forschung hat Zuflucht, Wärme und sogar gemalte Quadrate untersucht. Den Zauber ganz erklärt hat sie nicht.

Eine getigerte Katze schaut aus einem PappkartonFoto: Unsplash

Das Paket ist ausgepackt, das Geschenk liegt auf dem Tisch, und der leere Karton steht noch auf dem Boden. Du drehst Dich nur kurz um. Als Du wieder hinschaust, sitzt sie darin: die Pfoten ordentlich untergeschlagen, die Augen halb geschlossen, als hätte dieser Karton seit jeher auf sie gewartet. Das Geschenk kümmert sie nicht. Die Verpackung ist ihr Geschenk.

Fast alle, die mit einer Katze leben, kennen diesen Moment. Ein Schuhkarton, eine Obstkiste, ein Wäschekorb, ja sogar ein Deckel, der kaum höher ist als ihre Pfoten. Was sie zwischen vier dünnen Wänden findet, hat die Forschung erst in den letzten Jahren genauer betrachtet. Manchmal passt sie kaum hinein. Dann quillt sie über die Ränder, eine Pfote hier, der Schwanz dort, und sitzt trotzdem da mit der Würde einer Königin auf ihrem Thron.

Was die Forschung herausgefunden hat

Ein Versteck ist mehr als ein Möbelstück. Ein geschützter Platz, von dem aus sie sehen kann, ohne gesehen zu werden: Wie viel ihr das bedeutet, zeigt sich besonders dort, wo alles fremd ist. In einem Tierheim stellte ein Forschungsteam fest, dass es Katzen in ihren Unterkünften deutlich besser ging, wenn sie sich wirksam verstecken konnten. Eine Sorge erwies sich dabei als unbegründet. Die Möglichkeit, sich zurückzuziehen, verringerte ihre Chancen auf ein neues Zuhause nicht (Kry & Casey, 2007).

Eine Kiste kann die Ankunft leichter machen. In einem niederländischen Tierheim bekamen zehn neu eingetroffene Katzen eine einfache Versteckbox, neun weitere nicht. Zwei Wochen lang schätzten die Forscher:innen immer wieder anhand von Haltung und Verhalten ein, wie angespannt jede Katze war. Schon am dritten Tag waren die Katzen mit Box deutlich entspannter. Nach vierzehn Tagen hatten beide Gruppen dasselbe ruhige Niveau erreicht. Die Katzen mit Box waren dort allerdings schon um den dritten Tag herum angekommen, die anderen erst gegen Ende der zweiten Woche (Vinke et al., 2014).

Ein zweiter Blick bestätigte es. Einige Jahre später wiederholte ein Team, zu dem dieselben Forscher:innen gehörten, den Versuch mit 23 Katzen, diesmal nach dem Zufallsprinzip auf zwei Gruppen verteilt. Die Katzen mit Versteckbox fanden schon am zweiten Tag zu ihrem ruhigen Niveau, die übrigen erst am neunten (van der Leij et al., 2019). Beim Körpergewicht und bei der Zeit bis zur Vermittlung zeigte sich kein Unterschied. Der Karton war kein Wundermittel. Er schenkte ihnen Zeit.

Vielleicht ist es auch eine Frage der Wärme. Katzen fühlen sich bei Temperaturen wohl, die uns längst zu warm wären. Der Bereich, in dem ihr Körper weder zusätzlich heizen noch kühlen muss, ihre thermoneutrale Zone, liegt nach gängigen Angaben bei etwa 30 bis 38 Grad Celsius (Stella & Croney, 2016). So warm sind unsere Wohnungen selten. Ein enger Karton, in dem sie sich zusammenrollt, könnte ihre eigene Wärme bei ihr halten, so wie zwei hohle Hände eine Flamme schützen. Gemessen hat das bisher niemand. Es bleibt eine Vermutung, wenn auch eine, die sich warm anfühlt.

Ein weißes Kätzchen steht in einem offenen KartonFoto: Unsplash

Ihr genügt sogar ein gemaltes Quadrat. Im Sommer 2020, als viele Menschen zu Hause blieben, luden Forscher:innen Katzenhalter:innen zu einem ungewöhnlichen Versuch ein. Die Halter:innen druckten Formen aus und legten sie sechs Tage lang paarweise auf den Boden: ein gezeichnetes Quadrat, eine Kontrollfigur und eine optische Täuschung, das sogenannte Kanizsa-Quadrat. Es besteht nur aus vier Kreisen, aus denen jeweils ein Viertel ausgeschnitten ist. Unser Auge ergänzt die fehlenden Linien und sieht ein Quadrat, das gar nicht da ist. 30 Katzen nahmen an allen sechs Tagen teil, neun von ihnen setzten sich mindestens einmal in eine der Figuren. Sie wählten das Täuschungsquadrat fast so oft wie das gezeichnete, die Kontrollfigur dagegen nur ein einziges Mal (Smith et al., 2021). Womöglich sehen Katzen also, wie wir, Kanten, wo nur Andeutungen sind. Die Gruppe war klein, die Versuche fanden in Wohnzimmern statt, und das Team selbst wünscht sich eine Wiederholung unter kontrollierten Bedingungen. Die Spur aber ist bezaubernd.

Wenn Du selbst hinschaust

Klebe mit Malerkrepp ein Quadrat auf den Boden, gerade so groß, dass sie hineinpasst, an einer Stelle, an der sie oft vorbeikommt. Dann tu nichts. Schau einfach, ob und wann sie es entdeckt. Wenn Du magst, versuch es auch nur mit vier Ecken ohne verbindende Linien. Achte darauf, wie lange sie bleibt und ob sie am nächsten Tag zurückkehrt. Vielleicht wird es ihr Platz, vielleicht übersieht sie es ganz. Beides ist eine Antwort. Und wenn ein Karton bei Euch einzieht, stell ihn auf die Seite, mit der Öffnung zum Raum, ein wenig abseits vom Trubel. Lass ihr das Versteck, auch wenn sie stundenlang darin bleibt. Gerade nach einem Umzug oder wenn Besuch kommt, kann ein solcher Platz ein stilles Geschenk sein.

Was bleibt

Ein Karton schützt vor Blicken, hält vielleicht Wärme und gibt einer Katze an einem fremden Ort schneller ihre Ruhe zurück. So weit reicht die Forschung. Ein Quadrat aus Klebeband aber schützt vor nichts, wärmt nicht und verbirgt nichts. Und trotzdem tritt sie hinein, dreht sich einmal um sich selbst und setzt sich, als hätte sie eine Schwelle überschritten, die nur sie sieht. Wir sehen ein Stück Pappe. Sie sieht etwas anderes: eine Höhle, einen Ausguck, einen Ort, der nur ihr gehört. Vielleicht genügt ihr schon eine Grenze, um aus einem Stück Boden einen solchen Ort zu machen. Warum das so ist, weiß niemand. Dieser Teil gehört ihr.

Die Forschung legt nahe, sie beweist nicht. Die beiden Tierheimstudien begleiteten 19 und 23 Katzen durch ihre ersten Tage, und im Quadrat-Versuch wählten nur 9 von 30 Katzen überhaupt eine Figur. Ob ein Karton Wärme hält, ist bisher nicht gemessen. Wo die Spur dünn ist, sagen wir es dazu.

Weiterlesen: Warum Katzen Milchtritt machen

Quellen

  1. Kry, K. & Casey, R. (2007). The effect of hiding enrichment on stress levels and behaviour of domestic cats (Felis sylvestris catus) in a shelter setting and the implications for adoption potential. Animal Welfare, 16(3), 375–383.
  2. Vinke, C. M., Godijn, L. M. & van der Leij, W. J. R. (2014). Will a hiding box provide stress reduction for shelter cats? Applied Animal Behaviour Science, 160, 86–93.
  3. van der Leij, W. J. R., Selman, L. D. A. M., Vernooij, J. C. M. & Vinke, C. M. (2019). The effect of a hiding box on stress levels and body weight in Dutch shelter cats; a randomized controlled trial. PLoS ONE, 14(10), e0223492.
  4. Stella, J. L. & Croney, C. C. (2016). Environmental aspects of domestic cat care and management: Implications for cat welfare. The Scientific World Journal, 2016, 6296315.
  5. Smith, G. E., Chouinard, P. A. & Byosiere, S.-E. (2021). If I fits I sits: A citizen science investigation into illusory contour susceptibility in domestic cats (Felis silvestris catus). Applied Animal Behaviour Science, 240, 105338.

Allgemeine Information, keine tierärztliche Beratung. Fotos: Unsplash.