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Mythen & Mystik · 4 Min.

Freyjas Katzen · Skandinavien

Wenn die Göttin Freyja reist, so steht es in einem alten isländischen Buch, sitzt sie in einem Wagen, den zwei Katzen ziehen. Ein einziger Satz, achthundert Jahre alt — und er lässt uns bis heute nicht los.

Zwei Norwegische Waldkatzen an einem WinterfensterKI-generiert

Stell Dir eine Winternacht im hohen Norden vor, eine dieser Nächte, in denen der Himmel näher scheint als das Meer. Irgendwo über den Fjorden ist ein Wagen unterwegs, und darin sitzt die strahlendste aller Göttinnen. Golden soll sie sein, und wenn sie trauert, so erzählt man sich, weint sie Tränen aus rotem Gold. Vor ihren Wagen sind keine Pferde gespannt. Keine Wölfe, keine Böcke, kein Adler. Zwei Katzen.

Dieses Bild hat einen weiten Weg hinter sich. Aufgeschrieben hat es um 1220 der isländische Dichter und Geschichtsschreiber Snorri Sturluson, gut zweihundert Jahre, nachdem Island das Christentum angenommen hatte. Snorri sammelte die alten Göttergeschichten, damit auch spätere Generationen von Dichtenden die Bilder der überlieferten Verse noch verstehen konnten. Zwischen Weltenbaum und Weltende, zwischen Riesen, Zwergen und Göttern hielt er auch einen kleinen Satz über Katzen fest.

Was das alte Buch erzählt

Im ersten Teil der Prosa-Edda, der Gylfaginning — frei übersetzt „Gylfis Täuschung“ —, stellt ein verkleideter König Fragen über die Götter, und drei rätselhafte Gestalten geben ihm Antwort. Als die Rede auf Freyja kommt, erfährt er, dass ihr ein Saal namens Fólkvangr gehört, dass ihr die Hälfte der im Kampf Gefallenen zusteht und dass man sie in Liebesdingen um Beistand bitten soll. Und dann, fast beiläufig: Wenn sie auf Reisen geht, lenkt sie zwei Katzen und sitzt in einem Wagen.

Mehr ist es kaum. Viel später im selben Buch, als sich die Götter zur Bestattung des lichten Baldr versammeln, taucht Freyja noch einmal auf, und wieder fährt sie mit ihren Katzen. In der Sprache der Skaldendichtung darf sie außerdem „Besitzerin der Kater“ heißen. Das ist alles. Die Katzen haben keine Namen, keine Farbe, keine Größe, keine Stimme. Snorri schenkt ihnen eine einzige Zeile und erzählt weiter, so wie man nebenbei die Farbe eines Mantels erwähnt.

Das muss man ehrlich sagen: Mehr geben die mittelalterlichen Quellen nicht her. Alles andere kam später dazu.

Wie die Stille gefüllt wurde

Ein so kurzer Satz lässt viel Raum, und Menschen haben ihn seither voller Hingabe gefüllt. In immer neuen Nacherzählungen wurden aus Freyjas Katzen große graue Tiere, beinahe Luchse, oder langhaarige Waldkatzen des Nordens. 1984 gab ihnen die amerikanische Autorin Diana L. Paxson in ihrem Roman Brisingamen sogar Namen: Bygul und Trjegul. Die Namen passen so gut, dass viele sie heute für uralt halten. Das sind sie nicht. Sie sind ein Geschenk unserer Zeit an eine sehr alte Geschichte. Und gerade das hat etwas Schönes, denn es zeigt, dass diese Legende noch immer weitererzählt wird.

Wer sie war

Freyja gehört zu den Wanen, dem Göttergeschlecht der Fruchtbarkeit und der Fülle. Sie ist Göttin der Liebe und der Schönheit, und sie ist zugleich etwas Wilderes. In einem anderen Werk Snorris, der Ynglinga saga, heißt es, sie habe den Göttern den seiðr gebracht, eine Zauberkunst, mit der man Verborgenes wahrnehmen konnte. Ihr gehört das berühmte Halsband Brísingamen, dazu ein Gewand aus Falkenfedern, in dem man fliegen kann. Wenn ihr Gemahl Óðr in die Ferne zieht, weint sie um ihn, und ihre Tränen sind aus rotem Gold. Sie ist nicht einfach sanft. Sie ist alles zugleich.

Warum gerade Katzen?

Niemand weiß es. Der alte Text erklärt es nicht, und auch die Forschung hat die Frage nie endgültig beantwortet. Vielleicht muss sie das auch gar nicht. Denk einmal darüber nach, was in diesem Bild steckt. Thors Wagen ziehen zwei Böcke, Odin reitet ein achtbeiniges Pferd, beides Tiere, die man lenken kann. Freyja aber reist mit dem einen Geschöpf, das sich noch nie zu irgendetwas zwingen ließ. Ihre Katzen ziehen den Wagen, weil sie es wollen. So jedenfalls lesen wir diesen Satz am liebsten, und vielleicht ist er der zauberhafteste, den Snorri je geschrieben hat.

Was bleibt

Schau auf die beiden Katzen ganz oben auf dieser Seite, die hinausblicken, als würde gleich eine Reise beginnen. Von Freyja haben sie nie gehört. Und doch tun sie, was ihre Katzen taten. Sie kommen mit, wenn sie es beschließen. Sie gehen Dir mit hoch erhobenem Schwanz durch den Flur voraus, und sie lassen sich neben Dir nieder, als säßen sie dort schon seit tausend Jahren. Vielleicht trägt der alte Satz deshalb bis heute. Wer je von einer Katze erwählt wurde, ahnt ein wenig, wie es sein muss, an der Seite einer Göttin zu reisen.

Und wer weiß, ob in manchen klaren Winternächten nicht doch noch ein Wagen über die Fjorde zieht, gezogen von zwei Katzen, die nur dorthin laufen, wohin sie selbst wollen.

Weiterlesen: Die winkende Katze · Japan

Quellen

  1. Snorri Sturluson: Die Edda des Snorri Sturluson. Ausgewählt, übersetzt und kommentiert von Arnulf Krause. Stuttgart: Reclam (Universal-Bibliothek Nr. 782), 1997; bibliographisch aktualisierte Ausgabe 2017.
  2. Snorri Sturluson. Edda. Translated and edited by Anthony Faulkes. London: J. M. Dent (Everyman), 1987. Gylfaginning (Freyja und ihre Katzen, S. 24; Baldrs Bestattung, S. 50) und Skáldskaparmál (Umschreibungen für Freyja, S. 86).
  3. Snorri Sturluson. Heimskringla: History of the Kings of Norway. Translated by Lee M. Hollander. Austin: University of Texas Press, 1964. Ynglinga saga, Kap. 4 (Freyja und der seiðr).
  4. Paxson, D. L. (1984). Brisingamen. New York: Berkley. (Herkunft der modernen Namen Bygul und Trjegul, die in den mittelalterlichen Texten nicht vorkommen.)
  5. Germanic Mythology: Texts, Translations, Scholarship — „Freyja’s fressa“, Sammlung der altnordischen Textstellen zu Freyjas Katzen mit Übersetzungen (germanicmythology.com).

Die Katzenfotos auf dieser Seite sind mit KI erzeugt.