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Mythen & Mystik · 5 Min.

Die winkende Katze · Japan

Ein Fürst auf dem Heimweg, eine weiße Katze am Tempeltor, eine erhobene Pfote — und dann der Regen. Wie aus einer kleinen Geste im alten Edo eine der beliebtesten Figuren der Welt wurde.

Eine weiße Japanese Bobtail sitzt am Abend im Regen auf einer HolzverandaKI-generiert

Es beginnt, wie so viele gute Geschichten, mit jemandem auf dem Heimweg. Wir sind im frühen 17. Jahrhundert, auf dem Land westlich von Edo, der Stadt, die eines Tages Tokio heißen wird. Ein Fürst reitet mit seinem Gefolge von der Falkenjagd zurück. Der Weg führt an einem kleinen Tempel vorbei, und vor dessen Tor sitzt eine Katze. Als die Reitenden näher kommen, hebt sie eine Pfote und winkt sie heran. Daran gibt es nichts zu deuteln.

Der Fürst hieß Ii Naotaka und herrschte über das Fürstentum Hikone. Ihn hat es wirklich gegeben, und die Verbindung seiner Familie zu diesem Tempel lässt sich bis heute an dessen Steinen ablesen. Die Katze dagegen gehört der Legende. Und niemand erzählt sie so zärtlich wie der Tempel selbst.

Die Legende von Gōtoku-ji

So heißt es: Naotaka folgte der Einladung, stieg vom Pferd und trat ein. Der Vorsteher des Tempels empfing ihn, und die beiden gerieten in ein langes, angenehmes Gespräch. Während sie redeten, krachte plötzlich der Donner, und der Regen setzte ein, einer dieser Güsse, die einen Weg in wenigen Minuten in einen Bach verwandeln. Der Fürst saß im Trockenen und begriff, dass ihn eine kleine Katze vor alledem bewahrt hatte. In manchen Fassungen schlägt sogar ganz in der Nähe ein Blitz ein, und die Katze hat ihm weit mehr erspart als nasse Kleider. In anderen trägt sie einen Namen, Tama, und gehört dem Priester des Tempels.

Naotaka vergaß das nicht. Mit seiner Unterstützung wurde der Tempel 1633 neu errichtet, und 1659 erhielt er ihm zu Ehren einen neuen Namen, abgeleitet von seinem buddhistischen Namen nach dem Tod: Gōtoku-ji. Er wurde zum Familientempel der Ii, und unter den Bäumen ruhen bis heute die Fürsten von Hikone. Seit 2008 ist ihre Grabstätte ein nationales historisches Denkmal. Auch die Katze wurde geehrt. Der Tempel schreibt ihren Namen mit Schriftzeichen, die so viel bedeuten wie „die Katze, die das Glück herbeiwinkt“, und seit 1933 steht dort eine Halle, deren Name sich mit „Halle des herbeigewinkten Glücks“ übersetzen lässt.

Heute stehen neben dieser Halle mehr als tausend kleine weiße Figuren, Reihe um Reihe, dicht an dicht, und jede hebt die rechte Pfote. Viele bringen ihre Figur zurück, erzählt der Tempel, wenn ein Wunsch in Erfüllung gegangen ist. Anders als die meisten Glückskatzen halten sie keine Goldmünze. Die Erklärung des Tempels gehört zum Schönsten, was je über die winkende Katze gesagt wurde: Sie schenkt Dir die Gelegenheit, Menschen zu begegnen. Was Du daraus machst, liegt bei Dir.

Andere Wiegen, andere Geschichten

Gōtoku-ji ist nicht der einzige Ort, der eine erste winkende Katze in Ehren hält. In Asakusa, rund um den Imado-Schrein, erzählt man sich von einer alten Frau, die so arm geworden war, dass sie ihre geliebte Katze nicht mehr ernähren konnte. Schweren Herzens ließ sie sie ziehen. In der Nacht kam die Katze im Traum zu ihr und bat sie, Figuren nach ihrem Bild zu formen. Die Frau tat es, aus der Keramik der Gegend, dem Imado-yaki, und verkaufte die kleinen Katzen in der Nähe des Schreins. Von da an wendete sich ihr Glück. Anderswo in Tokio, im Tempel Jishō-in, bewahrt man die Erinnerung an den Krieger Ōta Dōkan, der sich verirrt hatte, bis ihn eine schwarze Katze heranwinkte und in Sicherheit brachte.

Welche Geschichte die erste ist, weiß niemand, und vielleicht ist das gut so. Was die Geschichte selbst festhält, ist leiser und nicht weniger reizvoll. 1852 zeigte der Holzschnittmeister Utagawa Hiroshige, wie am Tempel Sensō-ji in Asakusa die marushime-neko verkauft wurden, kleine Katzen aus Imado-Keramik. Es ist die älteste bekannte Darstellung der winkenden Katze, und das Edo-Tokyo Museum bewahrt die Druckfolge bis heute auf.

Die Sprache der Pfote

Zuerst ein kleines Geheimnis: Sie winkt gar nicht zum Abschied. In Japan ruft man jemanden zu sich, indem man die Handfläche nach außen dreht und die Finger nach unten einklappt, genau die Bewegung dieser erhobenen Pfote. Für viele europäische Augen sieht das nach „Auf Wiedersehen“ aus. In Wahrheit heißt es das Gegenteil: Komm herein.

Auch welche Pfote sie hebt, hat eine Bedeutung, wobei die Deutungen von Ort zu Ort und von Werkstatt zu Werkstatt ein wenig wandern. Die rechte Pfote, heißt es meist, winkt Glück und Reichtum heran. Die linke winkt Menschen herbei, Gäste, Besuch, Freund:innen. Manche Figuren heben beide Pfoten, was nicht alle mögen, denn zwei erhobene Hände können auch bedeuten, dass man aufgibt. Und je höher die Pfote, so sagt man, desto ferneres Glück kann sie erreichen.

Auch ihre Farben sprechen. Weiß ist der Klassiker und steht für Glück in jeder Gestalt. Die dreifarbige Katze, die mike-neko, ist seit Langem besonders beliebt, denn solche Katzen galten als selten und darum als glückbringend. Schwarz soll Unglück fernhalten, Rot schützte einst vor Krankheit, Gold winkt Reichtum herbei und Rosa die Liebe. Immer neue Farben kommen hinzu, Blau und Grün etwa, und jede trägt einen eigenen Wunsch.

Woran sich eine echte Pfote erinnert

Die Katze oben auf dem Foto trägt ein paar Flecken in drei Farben, und sie hebt die Pfote, als überlege sie gerade, ob sie Dich hereinbitten soll. Sieh einer Katze zu, wenn sie sich das Gesicht wäscht, und Du entdeckst die Geste: die Pfote gehoben, sanft gebogen, über das Ohr gezogen. Auch dazu kennt man in Japan einen alten Spruch. Wäscht sich eine Katze bis hinter die Ohren, so heißt es, kommt bald Regen. Eine Katze, eine erhobene Pfote, und Regen. Da fällt es schwer, nicht an einen Fürsten vor einem Tempeltor zu denken.

Vielleicht hat Deine Katze noch nie jemanden vor einem Gewitter ins Trockene gewunken. Aber denk an die Menschen, die sie in Dein Leben gebracht hat, an die Gespräche, die mit ihr begonnen haben, an die Abende, die durch sie warm geworden sind. Im Gōtoku-ji würde man diese Art von Glück sofort erkennen. Es ist das Glück, das herbeiwinkt und dann abwartet, was Du daraus machst.

Vielleicht hebt Deine Katze heute Abend, wenn sie sich hinter den Ohren putzt, für einen Moment die Pfote. Wen sie damit herbeiwinkt, verrät sie nicht.

Weiterlesen: Freyjas Katzen · Skandinavien

Quellen

  1. Gōtoku-ji, Tokio — „History“ und „About Manekineko of Gotokuji temple“ (gotokuji.jp/en).
  2. nippon.com — „Fortune Beckons: Japan’s Lucky Cat Figurines“ (nippon.com/en/nipponblog/m00038).
  3. Saunders, R. (3. Mai 2021). The fascinating history behind the popular “waving lucky cat”. National Geographic.
  4. Japan Creative Centre, Botschaft von Japan in Singapur (2023). The Luckiest Cat in the World. JCC E-Magazine, Januar 2023.
  5. JAL SKYWARD+ (27. Juni 2022). 招き猫とは?由来や種類、ポーズ&色別でご利益を解説 [Was ist die Maneki-neko? Herkunft, Formen, Posen und Farben] (japanisch).
  6. Edo-Tokyo Museum, Digital Archives — Utagawa Hiroshige I, Jōruri-machi hanka no zu (浄瑠璃町繁花の図), Farbholzschnitte, 1852.
  7. ITmedia NEWS / tenki.jp (22. Januar 2015). 「猫が顔を洗うと雨になる」はホント? [Regnet es wirklich, wenn sich eine Katze das Gesicht wäscht?] (japanisch).

Das Katzenfoto auf dieser Seite ist mit KI erzeugt.